czEXILe Lesereihe

Lebensläufe der tschechischen Flüchtlinge aus Berlin-Rixdorf

Was sind die Rixdorfer Lebensläufe?

Die Migrantenschicksale aus dem 18.Jh. sind alltagskulturelle Zeugnisse, die der böhmischen Brüdergemeine einen Teil ihrer Geschichte wiedergeben und sie zugleich öffentlich bekannter und zugänglicher machen. Die erzielten Erkenntnisse können ein neues historisches Schlaglicht auf den heutigen sozialen Brennpunkt Berlin-Neukölln werfen. Dazu kommt die religiöse und die politische Dimension: Bevor die Böhmen und Mähren aus ihrer Heimat fliehen mussten, bestand ein intensiver Austausch zwischen der Brüdergemeine und solchen Größen der Zeit, wie Calvin, Erasmus von Rotterdam und Martin Luther (Motel 1987, S. 10; Müller, Ss. 250-267). Gegenüber Bruder Johann Horn äußerte sich Luther bereits 1522 in einem persönlichen Gespräch: „Es sind seit der Apostel Zeiten keine Leute aufgestanden, deren Kirche der apostolischen Lehre und Ordnung näher gekommen wäre, als die der Böhmischen Brüder (Adeo nusquam est in orbe puritas evangeli)“ (Motel 1983, S. 12, Gieseler, S. 438). Weiterhin beeinflusste die Brüderunität den kontinentaleuropäischen Protestantismus sehr: „Auf den deutschen Pietismus hat Comenius maßgebend durch seine Schriften und auch durch persönliche Verbindungen eingewirkt.“ (Winter, Ss. 81 -82). Der hallesche evangelische Theologe August Hermann Francke war ebenfalls ein angeregter Rezipient der Werke des Brüderbischofs und Gelehrten. Comenius trug seine Ideen weiter: „Das Vorwort zur Ausgabe Comenius über „die Erneuerung der kirchlichen Lehre“ stammt von dem Freund und Kollegen Franckes, F. Buddeus“ (ebd.). Dadurch wurde „Die Hochachtung, die Luther für [Jan] Hus hegte, […] in Halle wieder lebendig“ (ebd., S. 83). Das sind aber nur die wenigen Meilensteine in der Geschichte der Brüderunität. Bei der Lesereihe sollen die Texte nicht nur im Original und in deutscher Übersetzung präsentiert, sondern auch ergänzend kommentiert werden.

Warum gehen die Rixdorfer Lebensläufe jede*n Berliner*in etwas an?

Die Manuskripte, die das Leben der böhmischen Flüchtlinge in Berlin zeigen, spiegeln auch gleichzeitig die Berliner Gesellschaft und ihren Umgang mit den Neuankömmlingen im 18. Jahrhundert wider. Das Ziel der Lesereihe und der Publikationen ist es aufzuzeigen, dass in Berlin eine Tradition der Multikulturalität und der Aufnahme von Verfolgten seit Jahrhunderten gepflegt wird. Dessen Verständnis soll das Publikum für die aktuelle politische Lage sensibilisieren, die Geschichte der böhmischen Exulanten in Berlin aufarbeiten sowie die lange Historie der Einwanderung nach Berlin und Deutschland in Erinnerung rufen und verfestigen.

Hard facts zu den Lesungen:

Wie viel? 5 öffentliche Lesungen.
Wann? Zwischen Dezember 2017 und Mai 2018.
Wo? Die erste Lesung findet an der Humboldt-Universität zu Berlin statt.
Aktuelle Infos? Findet ihr auf unserer Facebook-Seite und auf unserem Blog.
Was kostet der Eintritt? Nichts. Der Eintritt ist für alle frei.

Was passiert mit den Lebensläufen nach Mai 2018?

1. Die Ergebnisse der Lesungen in Form von interdisziplinär (aber zugänglich) kommentierten Lebensläufen werden als Open Source-Publikation und ggf. zusätzlich in einer limitierten Auflage als Printmedium erscheinen. Das Zielpublikum gleicht dem Zielpublikum der Lesereihe – professionelle Forscher*innen und interessierte Berliner*innen sowie Berlin-Fans. Die Veröffentlichung soll zusätzlich diejenigen erreichen, die an den Lesungen nicht teilnehmen konnten oder die Inhalte noch Mal genauer nachlesen möchten.
2. Die Lebensläufe dienen weiterhin bis 2020 als Trainingsmaterial für die Entwicklung eines Autorenidentifikationssystems (s. dazu Über mich). Die Originale befinden sich im Archiv der Brüdergemeine in Berlin-Rixdorf.

Die Lesereihe ist gefördert durch:
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Literaturhinweise:
Gieseler, J. C. L.: Lehrbuch der Kirchengeschichte, Bonn 1840
Motel, M.: Das Böhmische Dorf in Berlin, Berlin 1983
Motel, M.: Zum Böhmischen Dorf in Berlin-Neukölln (Rixdorf). In: Korthaase, W. (Hrsg.): Das Böhmische Dorf in Berlin-Neukölln 1737-1987. Dem Kelch zuliebe Exulant, Berlin 1987
Müller, J. T.: Dějiny Jednoty Bratrské, Praha 1923
Winter, E.: Die tschechische und slowakische Emigration in Deutschland im 17. und 18. Jahrhundert, Berlin 1955

Bildquelle Titelbild: private Aufnahme